Bausteine für Jul-Rituale

Julrituale müssen so gestaltet werden, daß die drei verschiedenen – im Inneren aber zusammenhängenden – Gründe des Festes zum Tragen kommen und nicht nur ein Teil von ihnen. Diese drei Gründe sind:

-Sonnenfest - Wintersonnenwende, kosmische Ordnung, Jahreswende, Wiedergeburt der Sonne
-Fruchtbarkeitsfest - mit der Wiedergeburt der Sonne erwacht das Leben des kommenden Jahres
-Ahnen- und Familienfest - der Strom des Lebens vom Ursprung in die Zukunft


Angelpunkt der drei Festgründe ist das kosmische Geschehen am Wendepunkt des Jahreskreises. Jul leitet sich vom germanischen Wort für "Rad" (nord. hvel, engl. wheel) ab. Der nordische Festname jól ist ein Mehrzahlwort, d.h. er gilt für mehrere Tage, nämlich alle zwölf Nächte von der Wintersonnenwende bis zum Beginn des germanischen Jahres. Dieses zählt zwölf Mond-Monate, die durch die Zwölfnächte oder Rauhnächte, die Zeit zwischen den Jahren, mit dem Sonnenjahr harmonisiert werden. Wir feiern die Wiedergeburt der Sonne und mit ihr des lichten Gottes Baldur, der zur Sommersonnenwende gestorben ist und nun wiederkehrt. Die Mistel, die ihm den Tod brachte, wird nun zum Heilszeichen und Festsymbol. Lichter und immergrüne Pflanzen zeigen an, daß Dunkel und Wintertod der Natur überwunden werden und ein neuer Zyklus des Lebens beginnt. In der Zeit zwischen den Jahren ist das Tor zu den anderen Welten offen, daher können in den Rauhnächten die Ahnen mit Wodan an der Spitze über die Erde reiten. Nach der englischen Tradition der modranight (altenglisch: Mutternacht) feiern wir besonders die Mütter unserer Familien und die Muttergottheiten.

Runen für den Jul-Runagaldr

Freya Aswynn, Runenmeisterin und OR-Mitglied aus England, ordnet dem Julfest die Runen Isa (Eis), Jera (Jahr) und Îhwaz (Eibe, immergrüner Baum, Todes- und Zauberrune) zu. Das Book of Blotar des englischen OR empfiehlt die Rune Fehu (Vieh, erste Rune, Fruchtbarkeit).

Symbole und Brauchtumselemente
Viel heidnische Jul-Symbolik hat sich durch die christliche Zeit als Weihnachtsbrauchtum erhalten. Dazu gehören die Mistel und immergrüne Zweige, die zum Teil auch Tod und Wiedergeburt symbolisieren (Tanne, Fichte, Stechpalme, Buchsbaum), die verschiedenen Lichterbräuche und der Weihnachtsbaum, der in der heutigen Form zwar erst in der Neuzeit vom Elsaß her verbreitet wurde, aber bereits durch bronzezeitliche Felszeichnungen von Tannen oder Fichten bei Sonnenfesten belegt ist. Symbolische Tiere des Julfestes sind im nordischen Brauchtum der Julbock (heiliges Tier Thors, Fruchtbarkeit), Geweihträger wie Rentier, Elch und Hirsch (aus der keltischen Tradition: Cernunnos, als Herne the Hunter mit Wodan identifiziert) und nicht zuletzt das Pferd als urgermanisches Ahnen-Totem und heiliges Tier Wodans. Ein goldenes Pferd spielte in Teilen der oberösterreichischen Volkstradition noch vor wenigen Jahrzehnten die Rolle des Weihachtsmanns.

Julfeuer und andere Lichtrituale
Bei Feiern im Freien ist es am besten, die Wiedergeburt der Sonne durch ein richtiges Feuer zu zelebrieren. In geschlossenen Räumen bieten sich die traditionellen Lichterbräuche an. Am klarsten ist eine einfache Kerze, eventuell auf einem besonderen Julleuchter, wie ihn heidnische Manufakturen anbieten. Wesentlich ist, daß vor Beginn der Julfeier alle Lichter und Feuer gelöscht und dann feierlich das neue Licht entzündet wird.


Julmahl, Julbier und Familienfeier
Der Bezug zu den Ahnen macht Jul zum bedeutendsten Familienfest, das mit einem Festmahl gefeiert wird, bei dem auch die Ahnen symbolisch mit am Tisch sitzen. Dies verdeutlicht man am besten durch den nordischen Brauch des jóladrekka, Jultrinken, mit Trinksprüchen auf die Ahnen. Traditionell gehört dazu das jólaöl, Julbier, ursprünglich Ale, im Lager-beherrschten Mitteleuropa meist Bockbier, oder Met. Da wir auch nicht-heidische Verwandte einladen, empfiehlt es sich, diese Familienfeier nach der örtlichen Tradition am 24. oder 25. Dezember abzuhalten und mit den Geschenken zu verbinden, die ebenfalls sehr wichtig sind: Schenken ist eine ur-heidnische Tugend.


Auswahl an Sprüchen zur Julfeier
Beim Entzünden des Julfeuers:

"Wir löschen die Feuer des alten Jahres, um das Licht des Lebens neu zu entzünden." (Mitgebrachte Fackeln und Laternen werden gelöscht) - "Im Namen der Götter und Göttinnen, der Mütter und der Ahnen entzünden wir das heilige Feuer der Reinigung und der Schöpfung, das erste Mysterium und die letzte Gnade. Flamme wachse durch Flamme, daß Wärme, Licht und Kraft sich mehren und nicht verlöschen vor der Zeit."

"Flamme steige, Flamme zeige uns den Weg zum reinen Licht!
Flamme brenne, Flamme trenne von uns ab, was falsch und schlecht!"

Sinnsprüche und Gedichte:

"Wenn Winterstarre alles Leben zwingt
und Todesahnung alles Leben streift,
schon neues Leben aus der Tiefe dringt
und tief verborgen neuer Frühling reift."

"Sonne wendet, Altes endet, neu beginnt der Pfad.
Lieb' und Treue mag aufs Neue lenken unsre Tat."

Eldur er bestur með ýta sonum
og sólar sýn,
heilyndi sitt, ef maður hafa náir,
án við löst at lifa.


Deyr fé, deya frændur,
deyr sjálfur ið sama.
en orðstír deyr aldregi,
hveim er sér góðan getur.


Zur Wiedergeburt der Sonne - Wiedergeburt Baldurs (aus der Völuspá):


Munu ósánir akrar vaxa,
bls mun alls batna, Baldur mun koma.
Búa Höður og Baldur Hropts sigtóptir,
vé valtívar. Vituð ér enn eða hvað?

Feuer ist das beste für die Menschensöhne
und der Schein der Sonne
und seine Gesundheit, wenn man sie haben kann,
ohne in Schande zu leben.

 

 

 

 

Besitz stirbt, Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie.
Doch niemals stirbt dem der Nachruhm,
der sich guten gewann.
Unbesät werden die Äcker wachsen,
Widriges wendet sich, Baldur kehrt wieder.
In Haus des Hohen wohnen Hödur und Baldur,
im Weihtum der Götter. Wißt ihr noch mehr?


Trinkspruch:
"Wir weihen diesen Trank der wiedergeborenen Sonne, der Mutter Erde und den Müttern unseres Stammes.
Viel Glück im neuen Jahr und danke für das alte."