Der Geist im Korn

Im immer wiederkehrenden Kreislauf des Werden und Vergehens des lebensspendenden Korns, spiegelte sich für die alten Germanen auch der Kreis des Lebens wieder. Unsere Ahnen glaubten an einen Geist im Korn, welcher die Wacht über eben dieses übernommen hatte. Er war dafür verantwortlich ob es eine gute Ernte würde oder nicht. Daher mußte dem Erntemann zugestanden werden, daß er sich alljährlich einen Teil des Kornes nahm. Auch wurde dem Schnitter durch zahlreiche Tänze die Ehrerbietung erbracht. So war es Sitte, daß die Binderin eine Garbe auf den Arm nahm und dann einen dreifachen Reigen tanzte.
Weiterhin wurde stets die letzte Garbe auf dem Felde stehen gelassen. Dahin konnte der Schnitter die Zeit des harten Winters überstehen. Niemals durfte dieser letzte Raum des Schewekerls durch die Sense zu Fall gebracht werden, denn sonst hätte das Korn den Schutz für das nächste Jahr verloren.
In älteren Vorstellungswelten wird der Geist im Korn auch als Tier dargestellt. So stellte man ihn sich als Schwein, als Hund oder als Bock vor.
Doch egal in welcher Gestalt auch immer der Geist des Kornes auftrat, das Ansinnen des Bauern war es stets, sich nicht dessen Zorn zuzuziehen, um die Ernte des nächsten Jahres nicht zu gefährden.