Herzog Ernst

Herzog Ernst (Ernst: ahd. im Sinne von „Entschlossenheit”) Das Gedicht von Herzog Ernst stammt aus dem Zeitalter der Kreuzzüge und beschreibt den Familienzwist zwischen König und Stiefsohn, eben Herzog Ernst und der Vermittlung der Mutter Adelheid. Die Geschichte erfreute sich großer Beliebtheit und ließ es zu einem „Deutschen Volksbuch” werden, Ludwig Uhland inspirierte es zu seinem Trauerspiel „Herzog Ernst von Schwaben” (1817), das besonders die Freundestreue rühmt.

Im wesentlichen geht es in der Sage um das Zerwürfnis von Herzog Ernst und Kaiser Otto I., das Ernst zur Flucht zwingt. Er begibt sich auf die Fahrt ins Heilige Land, verirrt sich auf den Weg dahin und erlebt zahlreiche Abenteuer mit seltsamen Völkern, die er mit seinem treuen Freund Wetzel glücklich besteht, bis er endlich durch seine Mutter Adelheid mit Otto versöhnt wird.
Diese Irrfahrt erinnert in vielen Motiven an die Abenteuer des Odysseus.

Jugend und Zerwürfnis mit Otto I.
Herrscher des Herzogtums Bayern und Österreich war Ernst, der mit seiner Frau, der Königstochter Adelheid Vater eines Sohnes wurde, den sie wie den Vater Ernst hießen. Dieser Ernst entwickelte sich vielsprechend, doch verlor er bereits früh seinen Vater. Auf Drängen des Sohnes und der höfischen Berater heiratete Adelheid den Kaiser Otto I., der früh seine Frau verloren hatte.

Zunächst lebten alle glücklich, doch Pfalzgraf Heinrich säte Zwietracht zwischen Vater und Stiefsohn, indem er Otto einen angeblichen Anschlag seines Stiefsohns hinterbrachte. Otto ließ sich dazu verführen, dem Herzog Ernst ein Heer zu senden, das, geführt vom falschen Heinrich dessen Ländereien verwüstete. Ernst gelang es aber, einen hervorragenden Sieg über Heinrich zu erringen. Das brachte Otto erst recht in Wut und er griff mit gewaltiger Streitmacht den Stiefsohn an. Der sandte einen Brief an den Kaiser und bat um Klärung des Sachverhaltes. Aber der war nicht zu besänftigen, auch nicht durch Vermittlungsversuche der Adelheid.

Ein Zusammentreffen ergab sich erst beim Reichstag zu Speyer, den Otto I. einberufen hatte und den auch Ernst aufsuchte. Hier traf er zunächst auf Pfalzgraf Heinrich, den Ernst im Beisein Ottos mit dem Schwerte niederstreckte. Der nach wie vor verblendete Otto, der seinen Stiefsohn für rasend hielt, entfloh zunächst in die Kapelle, dann erklärte er Ernst samt dessen Gefährten, dem Grafen Wetzel und ihrem Diener für vogelfrei.

Den dreien gelang jedoch die Flucht und sie wandten sich an den Herzog von Sachsen, der ihnen eine Armee stellte, deren Führung der Herzog selbst übernahm. Kurz vor der Schlacht unterredete er sich mit Otto und erfuhr so, warum Ernst verfolgt wurde. Der Sachsenherzog mochte die Worte seines Kaisers nicht glauben, zog aber mit seinen Truppen ab, so daß Herzog Ernst, der in der Stadt Regensburg Unterschlupf gefunden hatte, auf sich allein gestellt war. Er wollte vermeiden, daß die ihm treue Bürgerschaft Regensburgs dem Zorn Ottos zum Opfer fiele und verließ die Regensburger mit der - erfolgreichen - Empfehlung, den Kaiser um Gnade zu bitten.

Kreuzfahrt ins Heilige Land
Mit seinen wenigen Getreuen beschloß Ernst, eine Kreuzfahrt zum Heiligen Grab zu unternehmen, wobei sie Adelheid mit einigen heimlich zugesteckten Schätzen unterstützte. Sie zogen Donauabwärts, bis sie in Konstantinopel Aufnahme fanden, ehe sie mit zahlreichen weiteren Pilgern, die zwölf Schiffe füllten, ins Heilige Land aufbrachen.

Bei den Agrippinern
Auf der Reise kamen sie ins Land der Agrippiner. Zunächst fanden Ernst und die Seinen in der Stadt der Agrippiner niemanden vor, sie entdeckten aber in einem Schloß reich gedeckte Tische, woran sie sich gütlich taten und ihre Schiffe mit Proviant versorgen konnten.

Drei weitere Tage geschieht solches, ohne daß die Pilger eines Einheimischen ansichtig wurden. Endlich entdeckten sie einen prächtigen Hof, darin sich ein Springbrunnen fand, dessen Wasser in zwei goldene Tröge sprudelte. Sie entdeckten auch kostbar zugerichtete Betten, die Ernst und Wetzel für die Nachtruhe nutzten.

Am nächsten Tag gingen sie wieder durch die Stadt und erblickten die heimkehrenden Einwohner, ein seltsames Volk von Leuten, deren Körper menschlich war, deren Köpfe aber die von Kranichen waren. In ihrer Mitte hatten sie eine rein menschliche Frau, die offensichtlich entführt war, wie die heimlich zusehenden Ernst und Wetzel an ihrem verdrießlichen Blick erkannten. Sofort beschlossen sie ihre Befreiung.

Die Agrippiner hielten Tafel und abends ging alles gut betrunken schlafen. Darauf hatten Ernst und Wetzel gewartet und stellten sich im Gemach des Agrippinerkönigs, der die Jungfer bei sich hatte, zum Kampf. Die Agrippiner meinten, die Inder würden sie angreifen und ihr König stieß seinen Schnabel der Jungfrau in die brust. Ihn erschlug dafür Herzog Ernst, doch war die Jungfrau nicht mehr zu retten. So mußten sie sich begnügen, mit dem Leben davonzukommen und konnten sich, heftig kämpfend, mit knapper Not auf ihr Schiff retten und davonsegeln.

Rettung durch Greife
Nachdem sie einige Tage bei günstigem Wind dahingesegelt waren, hub ein Sturm an und trieb das Schiff gegen einen Magnetberg, an dessen Küste das Schiff zerschellte. Nun war guter Rat teuer, doch wurde die Magnetinsel zu ihrem Glück von riesigen Greifen besucht. Die Helden nähten sich listig in Ochsenhäute ein und warteten, bis einer der gewaltigen Raubvögel den vermeintlich nahrhaften Kadaver in sein Nest trage. Bis auf einen, der die letzten Kameraden eingenäht hatte und zurückbleiben mußte, gelang so allen sechs verbliebenen Helden die Flucht von der Insel, heil entrannen sie dem Nest der Greife und fanden zuletzt einander wieder. Da sie nicht wußten, wo sie waren, stiegen sie durch Wald und Gebirge, bis sie eine Schlucht mit einem Fluß darin fanden. Sie bauten ein Floß und empfahlen sich erneut dem Schicksal.

Bei den Arimaspern
Sie passierten eine Höhle, deren Inneres von Karfunkel glänzte, von dem Herzog Ernst ein Stück mit sich nahm.
Endlich weitete sich die Schlucht und sie fanden sich in einem angenehmen Land, deren Bewohner, die Arimasper, die einäugig wie Zyklopen waren. Hüben wie drüben staunte man, daß es Menschen mit ein oder zwei Augen gab und die Pilger fanden beim König der Arimasper Aufnahme. Der klagte ihnen sein Leid, daß ihnen die Sciapoden, ein Volk von Einfüßern, das die Arimasper vom Morgenland her bedrängte. Ernst gelang es, das seltsame Volk mit seinen Truppen zu vertreiben und man ehrte ihn sehr.

Wenig später wurde vermeldet, die Panochen seien erschienen und forderten hohen Zins. Auch diese, deren Ohren bis an den Boden reichten, konnte Ernst vertreiben. Noch war den Arimaspern kein Frieden vergönnt, denn nun bedrohten sie ein Volk von Riesen. Doch auch diese schlug Ernst, es gelang sogar, einen davon zu fangen.

Endlich entschlossen sie sich, weiter ins Heilige Land zu ziehen.


Ernst befreit das Zwergenvolk vor den Kranichen
Auf der Fahrt erfuhren sie von einem Zwergenvolk ganz im Osten, das von Kranichen geplagt war. Ernst und Wetzel besuchten die kleinen, welche zuerst vor den ihnen riesig erscheinenden Menschen erschraken. Doch fassten die Zwerge bald Vertrauen und klagten ihr Leid. Seit einiger Zeit wurden sie von schrecklichen Kranichen heimgesucht, die mit ihren spitzen Schnäbeln viele der Zwerge erstochen hatten und sie darum nurmehr bei Nacht arbeiten konnten.

Auch ihnen konnte Herzog Ernst behilflich sein und soviele der Kraniche erschlagen. Dankbar erfüllte der Zwergenkönig Ernst den Wunsch, ihm zwei der Männlein mitzugeben, an ihnen hatte Herzog Ernst in der Folge viel Vergnügen, besonders in Kontrast mit dem gefangenen Riesen, der auch zu seinem Gefolge gehörte.

Froh reiste man zurück zu den Arimaspern.


Herzog Ernst stiftet Frieden zwischen Babyloniern und Indern
Im Land der Arimasper erging es Ernst weiter wohl. Eines Tages sah er an der Küste ein Schiff voller Inder (oder Mohren). Die teilten ihm mit, sie seien Christen und würden vom Sultan Babylons wegen ihres Glaubens schwer bedrängt.

Entschlossen sicherte Ernst ihnen Hilfe zu und zog gegen Babylon, wo er, nicht zuletzt dank der kraftvollen Hilfe des Riesen, in der Schlacht einen Sieg erfocht. Der Sultan geriet in ihre Gefangenschaft, doch weil er Ernst versprach, ihm den Weg nach Jerusalem zu weisen und fortan Frieden zu wahren, ließen der ihn in Ehren ziehen.

So erreichte Herzog Ernst endlich das Heilige Land und hielt Einzug in Jerusalem, wo er das Heilige Grab aufsuchte.


Heimkehr und Versöhnung
Die Kunde von Ernst und seinem seltsamen Gefolge - die Zwerge und der Riese waren nach wie vor bei ihm, auch ein gefangener Sciapode - verbreitete sich bis in die deutsche Heimat des Herzogs. Nachdem der fast ein Jahr in Jerusalem beim dortigen König gelebt hatte, bat er jenen um Abschied.

Der gewährte ihm zwei Schiffe und sie segelten über das Mittelmeer. An der Riviera schifften sie sich aus und zogen nach Paris. Leider starb ihnen dort ihr Sciapode und Ernst beschloß, nach Rom zu pilgern.

Wetzel wandte ein, in Nürnberg hielte Kaiser Otto Reichstag, man solle doch besser dorthin fahren und sich versöhnen. Der Vorschlag gefiel und unerkannt erreichten sie Nürnberg. Hier entdeckte Ernst sich seiner Mutter Adelheid. Der gelang es mit Hilfe des Bischofes, dem Kaiser die Zusage abzuringen, am Folgetag während der Messe einem Sünder zu verzeihen. Ernst kniete, noch unerkannt, vor ihm nieder und der Kaiser verzieh ihm, wollte nun aber wissen, wer der Missetäter sei. Als er seinen Stiefsohn erkannte, bebte der Kaiser vor Zorn, doch endlich klärten sich die Mißverständnisse und alle versöhnten sich miteinander.

Den Karfunkel, den Herzog Ernst in der Höhle auf dem Weg zu den Arimaspern mitgenommen hatte, gab er seinem Kaiser, der ihn in die Kaiserkrone einsetzen ließ und der „der Waise” genannt wird.