Nibelungenlied

Das deutsche Epos wuchs aus verschiedenen in den germanischen Stämmen gesondert entwickelten Sagenkreisen zusammen, etwa den um Siegfried, den Hort und die Amelungen. Es erhielt seine Gestalt etwa 1200-1205 von einem österreichischen Dichter, der die alte Heldendichtung am Bischofshofe zu Passau im Sinne der zeitgenössischen höfischen Poesie bearbeitete. Es ist in verschiedenen Handschriften überliefert, die wichtigsten sind die „A” aus Hohenems, jetzt in München; „B” in St. Gallen, die dem Original am nächsten stehen soll und die wie „A” aus Hohenems stammende, jetzt in Donaueschingen befindliche Handschrift „C”, die am stärksten dem höfischen und religiösen Geschmack ihrer Zeit angepasst ist. Alle drei Handschriften entstammen der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Das Nibelungenlied ist in der „Nibelungenstrophe” abgefaßt, jeweils vier paarweise reimende Langzeilen. Diese Strophenform suchte Karl Simrock in seiner Übersetzung von 1827 wiederzugeben und verleiht dem neuhochdeutschen Text damit seine eigentümliche Melodie.

Aus dem ersten Abenteuer, „Wie Kriemhilden träumte”:

Eß troumde Kriemhilte in tugenden der si pflac
wie si einen valken wilden züge manegen tac,
den ir zwên arn erkrummen. daß si daz muoste sehen:
in enkunde in dirre werlde nimmer leider sîn geschehen,

Den troum si dô sagete ir muoter Uoten.
sin kunde in niht bescheiden daß der guoten:
„der valke den du ziuhest, daß ist ein edel man:
in welle got behüeten, du muost ihn schiere vloren hân.”
Probe aus dem Urtext nach Lachmann


In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden,
Sie zög´ einen Falken, stark-, schön-, und wilden
Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte seh:
Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn.

Sie sagt´ ihrer Mutter den Traum, Frau Uten:
Die wußt ihn nicht zu deuten als so, der Guten:
„Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann:
Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn getan.”
Übersetzung von Simrock (Die Nibelungen, Hesses Volksbücherei)

Mit den geschichtlichen Ereignissen aus der Zeit der Völkerwanderung um den Burgunder Gundahari und den Hunnenkönig Attila verknüpft das Nibelungenlied den Mythenkreis um den Drachentöter Siegfried.
Der erste Teil beschreibt die Werbung Siegfrieds um Kriemhild bis zu seinem Tod und den Übergang des Hortes auf die Burgunder, der zweite das Ende der Burgunder am Hofe Etzels, womit Krimhild Rache an den Mördern ihres ersten Mannes nimmt.

Kurzer Überblick des Nibelungenliedes: Die zentrale Person ist Krimhild, Tochter der Ute und Schwester der Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher. Ihr einer Vorsehung zufolge tragisches Schicksal bildet den Leitfaden der Handlung. Das Idealbild des Helden repräsentiert ihr Gatte Siegfried, Sohn von Siegmund und Siegelind, der auch in anderen Sagen die Heldenfigur bildet. Er ist Überwinder des Drachen, Erringer des füllhornartigen Horts und der Weisheit albischer Wesen, der für Gunter mit Hilfe seiner gewaltigen Kraft und der von den Alben gewonnenen Tarnkappe die von ihm erstrebte Brunhilde zur Gattin gewinnt. Nach dieser Prüfung erhält er damit auch die Hand Krimhilds. Als die bei der Minne um Brunhilde verwendete List durch einen Zwist zwischen Krimhild und Brunhilde herauskommt, tötet den Siefried Hagen von Tronje, der treueste Held König Gunthers.

Mit dem Tod Siegfrieds geht der Hort Nibelunges auf die Burgunder über und wird zu deren Fluch. Denn Kriemhild sinnt auf Rache und verheiratet sich mit dem Hunnenkönig Etzel. Auf Kriemhilds Wunsch hin werden die Burgunder, auf die als Besitzer des Hortes nun der Name Nibelungen übergegangen ist, zu Etzel auf die Burg gelockt.

Dort kommt es zum Untergang der Burgunder. Hagen, der das Wissen um das Versteck des Hortes mit sich in den Tod nimmt, wird von Kriemhild getötet. Sie selbst tötet der Waffenmeister Dietrich von Berns, der alte Hildebrand.

Interessant ist der Vergleich des Nibelungenliedes mit der Niflungensage der Thidrekssaga. Die Handlung ist insgesamt ähnlich, doch weicht die Darstellung des Nordens in Schauplätzen, Begründungen und Einzelschicksalen erheblich von der süddeutschen Dichtung ab, das Geschehen ist insgesamt weniger ausladend dargestellt. Besonders fällt vielleicht auf, daß die Thidrekssaga nicht die Gleichsetzung der Nibelungen (Niflungen) mit den Burgundern macht und sie ihr Ende nicht im Osten (Ungarn) am Hofe des Hunnenkönigs Etzel finden, sondern in Susat (Soest) beim Hühnenkönig Attala.


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Kurze Übersicht über die 39 Abenteuer des Nibelungenliedes
nach der Übersetzung von Karl Simrock von 1837 (Simrock, Das Nibelungenlied).
Abrufbar sind knappe Inhaltsangaben zu den Abenteuern 1 - 19 des ersten Teils vom Traum Kriemhilds bis zu ihrem Rückzug ins Kloster nach dem Tod Siegfrieds und dem Übergang des Hortes an dessen Mörder.
Der zweite Teil mit den Abenteuern 20 - 39 beschreibt den Besuch der Burgunder am Hofe Etzels, wo alle Helden mit Kriemhild den Tod finden.

1. Abenteuer - Wie Kriemhilden träumte

2. Abenteuer - Von Siegfrieden

3. Abenteuer - Wie Siegfried nach Worms kam

4. Abenteuer - Wie Siegfried mit den Sachsen stritt

5. Abenteuer - Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah

6. Abenteuer - Wie Gunther um Brunhild gen Island fuhr

7. Abenteuer - Wie Gunther Brunhilden gewann

8. Abenteuer - Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr

9. Abenteuer - Wie Siegfried nach Worms gesandt wird

10. Abenteuer - Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt

11. Abenteuer - Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte

12. Abenteuer - Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud

13. Abenteuer - Wie sie zum Hofgelage fuhren

14. Abenteuer - Wie die Königinnen sich schalten

15. Abenteuer - Wie Siegfried verraten wird

16. Abenteuer - Wie Siegfried erschlagen ward

17. Abenteuer - Wie Siegfried beklagt und begraben wird

18. Abenteuer - Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb

19. Abenteuer - Wie der Nibelungenhort nach Worms kam

20. Abenteuer - Wie König Etzel um Kriemhilden sandte

21. Abenteuer - Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr

22. Abenteuer - Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward

23. Abenteuer - Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte

24. Abenteuer - Wie Werbel und Schwemmel die Botschaften brachten

25. Abenteuer - Wie die Könige zu den Heunen fuhren

26. Abenteuer - Wie Dankwart Gelfraten erschlug

27. Abenteuer - Wie sie nach Bechlaren kamen

28. Abenteuer - Wie Kriemhild Hagen empfing

29. Abenteuer - Wie Hagen und Volker vor Kriemhildens Saal saßen

30. Abenteuer - Wie Hagen und Volker Schildwacht standen

31. Abenteuer - Wie die Herren zur Kirche gingen

32. Abenteuer - Wie Blödel mit Dankwart in der Herberge stritt

33. Abenteuer - Wie die Burgunden mit den Heunen stritten

34. Abenteuer - Wie sie die Toten aus dem Saale warfen

35. Abenteuer - Wie Iring erschlagen ward

36. Abenteuer - Wie die Königin den Saal verbrennen ließ

37. Abenteuer - Wie Rüdiger erschlagen ward

38. Abenteuer - Wie Dietrichens Recken alle erschlagen wurden

39. Abenteuer - Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden

1. bis 10. Abenteuer 11. bis 19. Abenteuer 20. bis 29. Abenteuer 30. bis 39. Abenteuer
Personen - Nibelungenlied