Nordische Mythologie - Bernhard Maria Janzen

Vorwort

Des Menschen Los, es ist das Leid!
Er ist verdammt zur Einsamkeit
des Heldenmutes, doch verbleibt
zur Schlacht gerüstet und bereit
zum Kampf dem Los, das ihn ereilt,
das er selbst mit den Göttern teilt.


Einführung

Das Leben des Menschen gebiert nichts als Schmerz
und er kann nur kämpfen mit störrischem Herz,
bewaffnet mit Kühnheit und stolz in der Schlacht,
versuchen zu brechen des Schicksales Macht.

Die Götter von Asgard, die greifen nie ein,
zu brechen den Kreislauf der menschlichen Pein;
auch sie, deren Los einst der Untergang wird,
bekämpfen das Schicksal, das Tod nur gebiert.

Gefallene Krieger und Götter geeint,
die werden bekämpfen, was Gutes verneine,
sie werden einst streiten mit Riesen aus Eis,
sie werden verlieren, der Tod ist ihr Preis!


Wotan

Die Nebel, die legen sich über das Land,
umhüllen den Alten so wie ein Gewand,
den Brunnen der Weisheit, den jener bewacht.
Da sieht man, wie plötzlich der Nebel sich teilt
und Platz macht für den, der im Pantheon weilt:
Gott Wotan sucht Weisheit, die teurer als Macht,
und ist so gekommen, zu Mimir, dem Greis,
zu trinken vom Wasser - um jeden Preis.

"So bist du gekommen in dunkelster Nacht,
zu kosten vom Wasser, doch nimm dich in Acht!
Obgleich du doch Gott bist, du trinkst nicht vom Naß,
nicht ohne zu zahlen den grausigen Sold:
Nur Schmerz eines Gottes, nicht Berge von Gold,
nicht Berge von Silber, nein sie sind nicht das,
was hehr ist, der Preis deines Wissens zu sein;
so zahle die Weisheit mit göttlicher Pein!

Gott Wotan, der zahlte ein Auge zum Pfand;
er riß es sich aus, mit eigener Hand.
Da ward er ergriffen, gestellt an den Baum.
Die Weisheit, die schrieb ihm mit glühendem Stift
die Runen ins Herz, jetzt kennt er die Schrift.*
Der Schmerz jedoch hielt ihn noch lange im Zaum
und so litt er lang und bezahlte den Preis,
neun Tage, neun Nächte, gebadet in Schweiß.


Götterdämmerung

Oh, wehe! Brüder, das Ende ist nah!
Ich künde Euch, Schwestern, die Endzeit ist da!
Zwar habt überlebt ihr die Kriege, die Pein,
die drei Jahre zogen landaus und landein;
ja, Habsucht und Gier brachten Menschen in Not,
der Sohn brachte Vater und Mutter den Tod.
Dann floh uns der Sommer, er floh uns drei Jahr:
Ein Zeichen war dies, das vorausgesagt war!
Doch jetzt ist es aus, das Ende fängt an,
jetzt bricht die Dämmrung der Götter heran!

Aus Wäldern, da kommen die Wölfe zu zuhauf
und kein Mensch, der stoppt ihren grimmigen Lauf.
Sie fressen den Mond und verschlingen die Sonn
und stürmen mit grausigem Heulen davon.
Die Sterne, die fallen vom himmlischen Zelt,
das Meer steigt und steigt, überflutet die Welt.
Zusammengebrochen ist das, was einst Berg,
der Geist der Vernichtung ist grimmig am Werk.
Entwurzelte Bäume, die prägen das Bild;
das Chaos ist groß, die Erde bebt wild.

Da zittert der Himmel, die Unterwelt wankt,
die Schöpfung erschaudert, die Erde, sie schwankt:
der Höllenwolf bricht seine Ketten, ist frei,
die Türe zur Hölle, die bricht er entzwei.
Er stürmt auf die Erde, ergriffen von Zorn,
den Rachen weit offen, so stürmt er nach vorn.
Der obere Kiefer den Himmel berührt,
den unteren über die Erde er führt.
Versprühend sein Feuer aus Augen und Nas',
verseucht er die Luft mit höllischem Gas.

Von ferne nun naht sich das Naglsarschiff
von Fluten befreit und entkettet vom Riff,
gesteuert von Hrim aus dem eisigen Fjord,
zu nehmen bereit, all die Leichen an Bord.
Die Schlange von Midgard, ergriffen von Wut,
die speit aus ihr Gift und verwandelt in Glut,
entzündet das Land, als sei es aus Teer,
verwandelt die See in ein feuriges Meer.
Die Welt ist erleuchtet von rötlichem Licht.
Die Hitze ist groß, das Himmelszelt bricht.

Und sehet, jetzt reiten die Riesen heran,
die Söhne von Muspel mit Feuergespann:
der riesige Surt, der führt seine Schar,
gefolgt von den Brüdern mit feurigem Haar.
Und Bisfrost, die Brücke zu Asgard zerbricht,
sie konnte nicht halten der Reiter Gewicht.
Auf Wigrid vereint sich das feindliche Heer,
und schon reitet Loki nebst Knechten daher.
Die Ebene Wigrid, die füllt sich mit Dampf
der Feinde der Götter, die harren dem Kampf.

Da plötzlich, ein Ruf, der die Lüfte zerteilt,
von Heimdales Horn, der zum Asenhof eilt,
er weckt alle Götter und holt sie herbei:
der Krieg hat begonnen, die Welt bricht entzwei.
Die Helden sind wach, es herrscht Ratlosigkeit,
dann packt sie der Mut und zum Kampfe bereit.
Sie stehen stolz da; jetzt tritt Wotan hervor
und Götter und Helden, die gehen zum Tor,
versammeln sich dort und sie halten den Rat,
dann ziehn sie nach Wigrid - zur letzten Tat.

Auf Wigrid, da kann man sechs Hauptkämpfe sehn,
wo Götter und Riesen schon kampfbereit stehn.
Die Herzen der Gegner bewohnt purer Haß:
die Waffen sind blank und die Stirne sind naß.
Gott Wotan, der trifft auf den Wolf von Fenrir,
der Wotan verschlinget mit höllischer Gier.
Die Schlange von Midgard trifft Donnergott Thor.
Mit gierigem Zischen schleicht schnell sie hervor.
Thors Hammer trifft tödlich, ihr Kopf färbt sich rot,
sie sprüht auf ihn Gift und beide sind tot.

Da! Surt trifft Gott Frey, erfüllt ihn mit Graus,
dann bläst er dem Frey das Lebenslicht aus.
Der ränkische Loki schleicht hinterrücks an,
er nähert sich Heimdall, so leis, wie er kann,
durchstößt ihm das Herz mit dem blutroten Dolch,
doch dieser fährt um und enthauptet den Strolch.
Im Kampfe des Tyr mit dem Riesenhund Garm,
biß dieser ihn tödlich und tat ihm viel Harm,
die Wunde ist klaffend, Gott Tyr sich noch wehrt,
der Hund setzt noch nach, doch rennt in das Schwert.

Der letzte der Kämpfe, der bahnt sich nun an,
der Fenrirwolf macht sich an Widar heran.
Er nähert sich stetig, doch eh der noch beißt,
der Sohn des Gottes Wotan das Maul ihm zerreißt.
Der Krieg ist vorbei, der Tod steht im Feld,
da wirft Surt das Feuer und verbrennt so die Welt.
In nicht ird'schen Flammen, da geht sie zugrund,
doch aus ihrer Asche, nach göttlichem Mund
entstehn neue Menschen, entsteht Paradeis
und EIN Gott nur herrschet, der gütig und weis.