Nerthus - Erdgöttin

Nerthus (nord. „die Unterirdische") ist eine germanische Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin, Göttin des Wachstums. Im Norden ist Nerthus gleichzeitig Schwester und Gattin des Njörd und gilt auch als Mutter des Göttergeschlechts der Wanen.

Von der Wanengöttin Nerthus gibt Tacitus die älteste Kunde:

Sieben Völker Norddeutschlands (Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen) hatten ein gemeinsames Stammheiligtum der Göttin Nerthus auf einer Insel des Ozeans (Nerthusbund). Sie glaubten, daß die Göttin in das Leben der Menschen eingreiffe und ihre Verehrer besuchte. Von einem heiligen Haine aus, in dem ihr geweiter, mit einer Decke verhüllter und Blumen geschmückter Wagen stand, zog sie im Frühjahr auf dem von Kühen (Färsen, die die erste Mutterschaft und Reichtum symbolisieren) gezogenen Wagen zur das Land. Nur ein einziger Priester durfte sie auf dieser Reise begleiten. Friede und Ruhe herrschten dann, und festlich geschmückt waren die Stätten, die sie ihres gastlichen Besuches würdigte. Niemand zog dann in den Krieg oder griff zu den Waffen, alle Waffen waren verschlossen. Nach dem Fest fand eine Waschung der Gottheit in einem verborgenen See statt, in dem die Teilnehmer an der Kulthandlung versenkt wurden.

Drei Teile des Nerthuskultes treten deutlich hervor: die Umfahrt der Göttin auf einem Wagen, die Freude und der Festjubel an allen Orten, die sie besucht, und der absolute Friede, der herrscht, so lange sich die Göttin an einem Ort aufhält.

Nerthus ist grammatisch Masculin und Femininum zugleich, mythologisch eine doppelgeschlechtliche Gottheit, ein Geschwisterpaar, das zugleich Ehepaar war. Für die Göttin der Erde und Unterwelt wäre die Deutung des Namens „Die Unterirdische" wohl passend, aber nicht für den himmlischen Gemahl.

Unklar bleibt neben vielem, wo das Heiligtum der Nerthus lag. Der Schauplatz des Kultes ist früher auf Rügen gesucht worden, neuere Forschung lokalisiert ihn an der norwegischen Westküste.

Der Herthasee (Ludwig Bechstein)

„Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Nordens und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbnitz genannt, umgab einen tiefen See. Im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr, im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude und Fülle und eitel Friedensfest. Niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düstern See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzählte, was er geschaut. Die Sage geht, daß die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde. ” (Ludwig Bechstein 1987, S. 63)